In den letzten Tagen habe ich einige Gespräche geführt, in denen immer wieder diese Frage aufgekommen ist: „Was ist Erfolg? Wie definiert man Erfolg überhaupt?“

Befragen wir also zunächst die erste Quelle unserer Wahl:

 

Der Begriff Erfolg bezeichnet das Erreichen selbst gesetzter Ziele. Das gilt sowohl für einzelne Menschen als auch für Organisationen. Bei Zielen kann es sich um eher sachliche bzw. materielle Ziele wie zum Beispiel Einkommen oder um emotionale bzw. immaterielle Ziele wie zum Beispiel Anerkennung handeln. Zur Umsetzung von Zielen in Ergebnisse bedarf es der Umsetzungskompetenz.

Wikipedia –

Ja, grau ist alle Theorie. Doch andererseits finde ich diese Definition bereits sehr differenziert. Denn grade in unserer westlichen Gesellschaft wird Erfolg oft einzig auf materiellen Zugewinn beschränkt. Und nur um diese romantisierte Phantasie vieler Asien-Fans direkt auszuräumen: Auch in vielen östlichen Gesellschaften wird Erfolg hauptsächlich auf die finanzielle Performance reduziert.

Im Businesscoaching macht es eventuell auch Sinn, diesen Aspekt in den Vordergrund zu rücken – auch wenn der finanzielle Erfolg eines Unternehmens nicht selten ganz wesentlich vom Team-Geist, der Innovationskraft der Mitarbeiter und der persönlichen Identifikation mit der Firma abhängt. Alles Erfolgs-Kriterien, die sich in Zahlen, Daten, Fakten und vor allem Summen nur schlecht ausdrücken lassen.


 

Erfolg ist so viel mehr als nur Geld!

Doch ist eine alleinerziehende Mutter, die zwar ein glückliches, gesundes Kind groß zieht, aber nur über beschränkte finanzielle Mittel verfügt erfolglos? Ist ein Weltenbummler erfolglos weil er zwar die wundervollsten Orte der Welt entdeckt, dafür aber kaum Geld besitzt? Ist der alte Mann im Heim eine gescheiterte Existenz, weil seine Rente für kein luxuriöseres Domizil ausreicht, obwohl er sich und seine Familie aus der ehemaligen DDR heraus bekommen hat?

Und umgekehrt: Ist der Investmentbanker im besten Stadtteil Frankfurts und mit einem Millionen schweren Portfolio erfolgreich, wo doch nun schon seine dritte Ehe grade am zerbrechen ist, seine Kinder ihn hassen und er schon morgens mindestens eine halbe Flasche Vodka benötigt um aufrecht stehen zu können? Immerhin, er fährt doch Porsche und hat mehr Geld als die meisten seiner Mitmenschen…

Du erkennst sicherlich, worauf ich hinaus möchte. Erfolg hat nicht immer und für alle Menschen etwas mit Geld zu tun. Mehr noch: Geld ist immer nur Mittel zum Zweck – auch wenn wir es oft mit dem Zweck selbst verwechseln.
 

Worum geht es Dir?

Es würde hier zu weit führen, explizit auf die verschiedenen Persönlichkeitsmodelle einzugehen. Und im Grunde sind sich die meisten davon sehr ähnlich. Ob wir nun die Satir-Kategorien nehmen oder das berühmte DISG-Modell, die Temperamentenlehre der alten Griechen oder die beschriebenen Charaktere in Riemanns „Grundformen der Angst“ (sein sehr Empfehlenswertes Werk findest Du hier auf Amazon…). All diese Modelle beschreiben im Kern die gleichen vier Persönlichkeitsstrukturen und auch wenn es inzwischen Modelle mit Unter- und Mischformen gibt, so ähneln sich die meisten Modelle.

Auch darf nicht unerwähnt bleiben, dass es interessante und andersartige Modelle gibt, die nicht in dieses Schema passen. Beispielsweise die „Graves-Levels“, die „Meta-Programme“ oder der „Myers-Briggs-Typenindikator“.

Alleine die Vielfalt dieser Modelle und Theorien zeigt Dir, wie tief wir uns an dieser Stelle in die verschiedenen Persönlichkeitsmodelle hinein fuchsen könnten um eine theoretische Basis für die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Was ist Erfolg“ zu bilden. Ich möchte Dich an dieser Stelle nicht langweilen und verkürze es deshalb wie folgt:

Materieller Besitz und Zuwachs (Der rote Typ):

Es gibt zweifellos Menschen, für die der materielle Gewinn Erfolg bedeutet. Zwar stehen hinter diesem vordergründigen streben nach Geld Ziele auf der Meta-Ebene, die dadurch erfüllt werden sollen und der ein oder andere sieht in seinem Kontostand auch die „Punkte des Lebens“ mit denen er sich der Anerkennung wegen mit anderen messen kann, doch es bleibt unbestritten: für sehr viele Menschen ist finanzieller Erfolg die einzig relevante Form von Erfolg.

Selbstausdruck und -Verwirklichung (Der gelbe Typ):

Anderen Menschen ist Geld aber vollkommen egal. Klar, es muss genug zum Essen da sein und beispielsweise als Künstler benötigt man gewisse finanzielle Mittel für seine Arbeitsmaterialien. Doch Erfolg bedeutet solchen Menschen vor allem, seine Persönlichkeit beispielsweise in einem Kunstwerk zum Ausdruck zu bringen oder eine Vision umzusetzen – ganz unabhängig vom finanziellen „Return on Invest“.

Zugehörigkeit und Teilhabe (Der grüne Typ):

Dann gibt es Menschen, die Teil von etwas Großem sein wollen. Dabei ist dieses Große für den einen beispielsweise eine internationale Hilfsorganisation und für den anderen die eigene Familie. Erfolg bedeutet für diese Menschen Teil von etwas zu sein, Geborgenheit und Gemeinschaft zu erfahren.

Anerkennung und Status (Der blaue Typ):

Wieder andere empfinden ein einfaches Schulterklopfen – wortwörtlich oder im übertragenen Sinne – als Erfolg und die größte Befriedigung. Auch wenn damit kein Bonus einhergeht, betrachten sich diese Menschen als Erfolgreich, wenn sie zum dritten Mal in folge zum „Mitarbeiter des Monats“ ernannt wurden. Auch eine Beförderung ist für diese Menschen ein toller Erfolg, selbst dann, wenn wie Beispielsweise in vielen sozialen Berufen, mit der Leitungsaufgabe kein nennenswert höheres Einkommen verbunden ist.
 

Ein persönliches Beispiel

Wer mich kennt, der weiß, dass ich eine Mischung aus gelbem und grünem Typ bin. Für mich bedeutet Selbstausdruck und die Verwirklichung meiner Persönlichkeit sowie Teilhabe an einem „geilen Team“ mehr als Anerkennung, Status oder materieller Zugewinn. Als Coach ist es mir wichtiger, einen beeindruckenden Wandlungsprozess zu begleiten und als Trainer will ich Teil eines tollen Gruppenerlebnisses sein. Für mich war eine Veranstaltung dann ein Erfolg, wenn die Leute mit einem seligen Lächeln im Gesicht zufrieden die Heimfahrt antreten und nicht, wenn in der Kasse mehr Geld ist, als vorher kalkuliert.

Natürlich möchte auch ich nicht hungern, doch nachdem ich in der Vergangenheit mehrmals die schmerzliche Erfahrung gemacht habe, dass früher oder später doch der Punkt kommt, an dem sich die unterschiedlichen Auffassungen von Erfolg nicht unter einen gemeinsamen Hut bringen lassen, bin ich zu dem Schluss gekommen, keine Kompromisse mehr eingehen zu wollen.
 

Auch Du solltest keine Kompromisse mehr eingehen!

Zugegeben, es ist schwer, zwar in einer Leistungsgesellschaft des „Homo oekonomikus“ groß geworden zu sein, sich aber dennoch nicht dazu verleiten zu lassen, den eigenen Erfolg nur am Einkommen und Vermögen zu messen. Noch schwerer ist es, in dieser Gesellschaft Menschen klar zu machen: „Hey! Ich fahre zwar keinen Porsche. Aber ich habe zwei Kinder die mich lieben. Mehr Erfolg kann ich mir nicht vorstellen.“

Grade im familiären Bereich fehlt es in unserer Gesellschaft an Hochachtung für die Leistungen. Noch immer hält sich zumindest das Geschmäckle, eine Hausfrau und Mutter sei dies nur aus dem Grunde, da sie ja nichts vernünftiges gelernt hat…

Oder die Tochter, die sich dagegen entschieden hat, ihren Vater ins Heim zu geben und ihn lieber von dem kläglichen Pflegegeld versorgt – sie hat doch Abitur. Warum macht sie denn nichts vernünftiges?

Mozart wurde in einem Armengrab verscharrt und niemand erkannte damals sein Genie. Nikolai Tesla ist selbst heute vielen Menschen kaum ein Begriff und erst recht nicht die Erkenntnisse, die ihrer Zeit Jahrhunderte voraus waren. Und so sehr ich die edlen Taten von Mutter Theresa oder Mahatma Gandhi bewundere, doch da draußen gibt es hunderte, wenn nicht sogar tausende von Menschen, die sich uneingeschränkt der Nächstenliebe oder der sozialen Gerechtigkeit widmen. Diese Menschen opfern ihr Leben solchen Zielen und werden dennoch viel zu oft belächelt oder schlimmer noch: bemitleidet. Denn: „Sie hätten doch etwas vernünftiges aus sich machen und anständiges Geld verdienen können“…


 

Ist das Streben nach Erfolg das Ende der Kultur einer Kultur?

Erfolg bedeutet für jeden Menschen etwas anderes und letzten Endes ist Erfolg einfach nur das Erreichen selbst definierter (!) Ziele. Mit materiellem Zuwachs oder einem tollen Artikel in der FAZ hat Erfolg nichts zu tun. Ja, es gibt Menschen auf die das zutreffen mag, doch ebenso gibt es Menschen, für die Erfolg das Lächeln eines Kindes ist. Der dank eines Fremden oder Versöhnung wo vorher streit war. Und ich mache mir manchmal Sorgen, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt. Eine Gesellschaft, die die Gesundheit der Menschen, Gerechtigkeit und gleiche Chancen für alle hinten anstellt, sobald der Profit dadurch in Gefahr Gerät. Eine Gesellschaft, die sich wie ein Versuchskaninchen auf Crack immer schneller und schneller im Kreis dreht um dem finanziellen Erfolg hinterher zu rennen und dabei alles andere Vergisst.

Man muss kein Finanzexperte wie Dirk Müller sein um zu erkennen, dass es in finanziellen Angelegen kein unbegrenztes „höher, schneller, weiter“ gibt. Man muss auch kein Kybernetiker oder Mechatroniker sein um zu sehen, dass wir inzwischen oft den Profit nur noch dadurch steigern können, indem wir Arbeiter durch Maschinen und Roboter ersetzen. Und man muss keine Pflegekraft sein um zu sehen, wie unattraktiv soziale Berufe für junge Menschen geworden sind – nicht etwa weil diese jungen Menschen nicht gerne sozial tätig wären, sondern weil sie in einer Gesellschaft groß geworden sind, in denen man nur dann erfolgreich ist, wenn man materielle Güter im Überfluss besitzt.

Ja, ich mache mir Sorgen, auch wenn ich mir das ganze aus einer ganzen Entfernung anschaue. Doch das, was Euch im Westen passiert, hat massive Auswirkungen auf uns im Osten. Und da ich viele liebe Freunde und Familie in der westlichen Welt habe, könnte ich mir den Untergang der westlichen Zivilisation noch nicht einmal dann emotionslos anschauen, wenn ich mich nicht der Menschheit als Ganzes verbunden fühlen würde.
 

Nein!

Denn ich habe auch Hoffnung. Ich habe Hoffnung und sehe immer wieder, dass sich etwas in unserem kollektiven Bewusstsein verändert. Mehr und Mehr junge Leute folgen höheren Idealen und lehnen sich gegen die Pläne auf, der Sohn möge doch Anwalt, Arzt oder Betriebswirtschaftler werden und sich seine kreativen Flausen aus dem Kopf schlagen. Mehr und mehr Menschen spüren, dass es da noch andere Sehnsüchte gibt und finden den Mut diesen auch zu folgen.

Es verändert sich einiges zur Zeit und ich bin optimistisch, dass wir trotz aller Unkenrufe das Ruder noch herumreißen werden. Ich glaube nicht daran, dass wir als ferngesteuerte, herzlose, kalte und ruhiggestellte Gesellschaft ungebremst in unseren Untergang rennen. Jeden Tag sehe ich Menschen, die „Erfolg“ richtig verstehen und sich selbst verwirklichen.

Denn letzten Endes ist Erfolg genau das: Ein möglichst deckungsgleicher Zustand Deiner Lebenswirklichkeit und der Sehnsucht in Deinem Herzen. Nicht weniger aber auch nicht mehr.
 
 

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